Denkt an die Gefangenen
„Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr mitgefangen; denkt an die Misshandelten, denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib.
Hebräer 13,3
Gefängnisse liegen meist am Rand unserer Städte — und oft auch am Rand unserer Gedanken. Hohe Mauern, verschlossene Türen, Sicherheitszäune: Das alles schafft Distanz. Wer im Gefängnis sitzt, verschwindet leicht aus dem Blickfeld der Gesellschaft. Genau deshalb erinnert uns der Hebräerbrief an etwas, das unbequem ist: „Denkt an die Gefangenen.“
Das ist mehr als ein flüchtiges Mitleid. Der Bibelvers geht erstaunlich weit: „… als wärt ihr mitgefangen.“ Glaube bedeutet hier nicht Abstand, sondern Mitgefühl. Nicht urteilen aus sicherer Entfernung, sondern innerlich an die Seite der Menschen treten.
In Deutschland sitzen derzeit rund 60.000 Menschen in Haft. Hinter jeder Zahl steht ein Mensch mit einer Geschichte: Schuld, Versagen, zerbrochene Beziehungen, Sucht, Gewalt — manchmal auch Armut, Krankheit oder fehlende Chancen. Natürlich haben Menschen Verantwortung für ihr Handeln. Straftaten dürfen nicht verharmlost werden. Und doch erinnert uns die Bibel daran: Kein Mensch hört auf, ein Mensch zu sein.
Besonders eindrücklich ist der zweite Teil des Verses: „… denn auch ihr lebt noch in eurem irdischen Leib.“ Wir alle sind verletzliche Menschen. Niemand steht über den Brüchen des Lebens.
„Denkt an die Gefangenen“ — dieser Satz erinnert uns daran, dass Mitmenschlichkeit keine Grenzen aus Mauern und Gittern kennt. Und vielleicht auch daran, wie sehr wir selbst von Gottes Geduld und Barmherzigkeit leben.
Mit herzlichen Grüßen
Robert Lau